Warum das Bewerbungsfoto erst nach der Identitätsklärung entstehen sollte

Oder warum ein authentisches Bewerbungsbild Zeit braucht

Fallbeispiel aus der Praxis

Vor einiger Zeit durfte ich eine Kundin bei ihrer beruflichen Neuorientierung begleiten. Bevor sie zu mir ins Atelier kam, schickte sie mir ihre Bewerbungsunterlagen: Lebenslauf mit Foto, das Motivationsschreiben und die favorsierte Stellenausschreibung.

 

Das Bild zeigte sie freigestellt vor weissem Hintergrund. Arme verschränkt vor der Brust, die Aufnahme war bis Höhe Bauchnabel. Drei Viertel des Bildes war Körper, das Gesicht war dabei kaum erkennbar. 

 

 

 

 

Warum viele Bewerbungsfotos nicht stimmig sind

Zu Beginn unserer Zusammenarbeit fragte ich sie, ob dies eine Haltung sei, die ihr liege, die Arme vor der Brust. Sie schüttelte den Kopf. Der Fotograf damals habe ihr das so gesagt. Sie solle das machen, das wirke professionell, deshalb machte sie es.

 

Ich kenne aus meinem Berufsalltag eine ähnliche Situation:

Eine Frage die mir sehr oft gestellt wird: "Wie soll ich lächeln?" Ich mache da keine Vorgaben. Denn sobald jemand mit dem Kopf dabei ist wie er lächeln soll, ist das Lächeln schon weg oder zumindest alles andere als natürlich. Was dann entsteht ist kein Ausdruck, es ist eine Anweisung die man ausführt. Ein Bewerbungsfoto, das so entsteht, zeigt nicht die Person. Es zeigt jemanden der versucht, eine Vorstellung zu erfüllen.

 

 

 

Wie der fotografische prozess bei mir beginnt

Bevor jemand zu mir ins Atelier kommt, habe ich bereits Zeit mit ihm verbracht, ohne dass es die Person weiss.

 

Ich schaue mir die Bewerbungsunterlagen an, die mir vorab zugeschickt werden. Wie ist die Gesamtwirkung des Auftritts? Welches Farbkonzept wird bereits verfolgt? Wo wird das Bild final positioniert im Lebenslauf, auf LinkedIn? Und ich lese zwischen den Zeilen der beruflichen Stationen. Oft verrät ein Lebenslauf mehr als sein Inhalt.

 

Wenn die Person dann bei mir sitzt, besprechen wir das gemeinsam. Meine Beobachtungen, meine erste Intuition. Meine Erfahrung im Personalwesen hilft mir dabei. Ich lese einen Lebenslauf anders als eine klassisch ausgebildete Fotografin. Die Antworten auf die Vorbereitungsfragen untermauern meist, was ich bereits gespürt habe. Und dann suchen wir gemeinsam die Kleidung aus, nicht nach Modetrends, sondern nach dem, was zur Branche passt, zum Zielunternehmen, aber noch mehr zu dem Menschen, der vor mir sitzt. Erst dann kommt die Kamera.

 

 

 

Was Identitätsklärung mit einem Lebenslauffoto zu tun hat

Diese Frau war Akademikerin, wortgewandt, mit langer Berufserfahrung in einer Führungsposition. Und dennoch sass sie vor mir mit einem Bild das nicht sie zeigte, weil jemand anderes entschieden hatte, wie sie auszusehen hat.

 

Das ist kein Einzelfall, es passiert täglich in Arbeitssituationen, in Bewerbungsprozessen, im Umgang mit Vorgesetzten und Kolleginnen. Man passt sich an, funktioniert,  stellt die eigenen Impulse hintenan, weil jemand anderes weiss, wie es richtig geht. Irgendwann weiss man selbst nicht mehr, was einem eigentlich liegt. Was der eigene Ausdruck ist. Wie man natürlich lacht.

 

 

Genau dort setze ich an, bevor die Kamera in die Hand genommen wird.

 

 

 

Wenn das echte Leben von allein kommt

Ich machte mit ihr eine Gedankenreise, den Fokus weg von der Kamera, weg von der Frage wie sie wirken soll. Hin zu Entspannung, zu dem was sie wirklich ausmacht. Und dann kam das Lachen von allein. Nicht weil ich ihr gesagt hatte wie. Sondern weil sie kurz aufgehört hatte, eine Vorstellung zu erfüllen und einfach sie selbst war.

 

 

Das ist der Moment für den ich fotografiere. Nicht davor, nicht danach. Genau dann.

 

 

 

Das CV Bild als KOnsequenz nicht als ausgangspunkt

Ein Bewerbungsfoto das stimmig ist, entsteht nicht durch die richtige Pose oder den schönen Hintergrund. Es entsteht wenn jemand weiss wer er ist und bereit ist, das auch zu zeigen.

 

Deshalb beginnt meine Arbeit nie mit der Kamera. Sie beginnt mit einem Gespräch. Mit Fragen die jemanden innehalten lassen. Mit dem Raum, sich selbst zu hören.

 

Deshalb gibt es bei mir kein Reinkommen, Hinsetzen, Fotografieren, Gehen. Ein Bewerbungsfoto das stimmt braucht Raum. Und Raum braucht Zeit. Dann ist das Bewerbungsbild die Konsequenz davon. Nicht der Ausgangspunkt.

 

 

Möchten Sie ein Bewerbungsfoto das wirklich Sie zeigt? Hier finden Sie weitere Informationen zu meiner Arbeitsweise. Ich freue mich auf Ihre Nachricht.

QUALITÄT & IDENTITÄT

SINNTUITIV - Sandra Negri

Identitätsarchitektin & Businessfotografin

 

 

Mitglied bei SIYU

Professionelle Fotografie Schweiz

 

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